Marathon - Sinn - Fragen

„Eingeschränkte Mobilität, zeigt sich durch verlangsamtes und verkrampft wirkendes Gangbild.“ Diese Pflegediagnose bekam ich am Montag von diversen Mitarbeitern welche mich beobachtet haben diagnostiziert. „Alles ok, ich hab bloss gestern einen Marathon gelaufen“ Das löste sofort ein „ach so, hab doch gedacht irgendwie läufst du heute anders rum als sonst“ aus. (Ja ich weiss, manchmal sieht man mich durch die Gänge des Pflegezentrums rennen, oder zumindest die Treppen hoch, auf jeden Fall immer zügig unterwegs) Wie lange ist denn ein Marathon? Weshalb machst du das? Vor was läufst du weg? Das sind dann die weiteren Fragen, die folgen. Von Oberflächlich bis ziemlich tiefgründig. Ja, diese Fragen stelle ich mir ab und zu auch selber. „Die Lauferei schüttet Endorphine aus, diese machen süchtig, aus meiner Sicht eine gesunde Sucht“, ist dann die medizinisch geprägte Antwort von mir.

Ein Jahr nach dem Berliner- Marathon, meldete ich mich spontan an den Frauenfelder-Marathon an. Ich wollte es einfach wissen, ob ich die Distanz auch mit minimalem Trainingsaufwand schaffen kann. Der sportliche Leiter vom LSV hat mal gesagt, dass er als Marathonvorbereitung ein paar wenige Longjoggs mache, das reiche. Das probiere ich mal, war meine Devise. Ich habe bloss zweimal einen über 30km-Lauf gemacht. Ich wollte mich nicht quälen mit Tempo- und Zeitreichen Trainings. Der Sinn des Lauftrainings besteht für mich hauptsächlich darin, dass ich dadurch Stress abbauen kann. Ich geniesse jeweils das schöne Tösstal zusammen mit meinem Hund, der mich treu begleitet.

Vor dem Start lernte ich eine Frau kennen, die ihren 40. Marathon absolvierte. Wir kamen über private Themen ins Gespräch und dann auch auf unsere Zielzeitvorstellung. Unter 4h30 wär super, sagte ich. Ich will einfach ankommen, sehe dies als einen Trainingslauf und will wissen, dass ich die 42km schaffe. Sie meinte, dass sie 4h 20 anpeile, ich fragte, ob es für sie ok sei, wenn ich am Anfang mit ihr laufen würde, damit ich nicht wieder zu schnell starte. Sie meinte, dass sei voll ok, sie würde sich sehr freuen, den Marathon mit mir zu machen. Wenn es dann nicht mehr passt, verabschieden wir uns voneinander. Marianne war ein Geschenk des Himmels! Bis Wil Halbmarathon-Distanz half sie mir, mich mit dem Tempo zurück zu halten. Nach Wil, war ich froh, dass sie locker weiterlief und ich mich dranhängen durfte. Die Stimmung auf der Strecke war toll. In den Dörfern war Feststimmung und es war nicht zu übersehen, dass der Alkoholkonsum bei den Zuschauern mit zunehmender Zeitdauer stieg.

Es hat mich sehr berührt, dass Marianne auf den Negativ-Splitt wegen mir verzichtet hat. Das hätte sie sicher geschafft, doch sie entschied sich, mir bis zum Schluss Gesellschaft zu leisten. Ich habe mir mal vorgenommen, dass ich in jedem Wettkampf den ich mache, mindestens eine Person auf irgendeine Weise ermutige oder aufmuntere. Wir haben einen Waffenläufer mit Traubenzucker versorgt und eine von Krämpfen geplagte Läuferin mit Salztabletten. Das ist doch der Sinn der Lauferei: Mit offenen Augen durch die Welt zu laufen, die schönen Momente bewusst zu geniessen und Kraft zu tanken. Danach kann ich wieder zurück zu kehren zu all den Herausforderungen im Alltag, vor denen ich manchmal auch gerne davonlaufe.

Wie Marianne sagte: Die Zeit die du gelaufen bist, interessiert niemanden. Schön und sinnvoll sind aber die Spuren, die wir hinterlassen. Ich werde weiter laufen. Etwas hab ich gelernt: Die wichtigste Trainingseinheit für die Marathonvorbereitung sind die langen, langsamen Dauerläufe. Eine Weisheit von Marianne noch bezüglich Tempoeinteilung: Mit dem Training zahlst du Kilometer auf dein Laufkonto ein. Diese hebst du im Wettkampf dann langsam ab, nicht alles aufs Mal, sonst gehst du Pleite.